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Featured Bekehrst du noch oder lebst du schon (vor)?

Ich sitze in einem Restaurant. Es ist mittags. Ich bestelle mir eine vegane Bowl. Jedesmal freue ich mich sehr darauf. Warum? Weil sie lecker ist und ich mich dabei großartig fühle. Um mich herum herrscht lautes Getümmel. Ich schaue mich um. Was essen die andere Gäste hier? Ja – und da geht es auch schon los: Die meisten Menschen essen Fleisch mit irgendetwas. Man hat das Gefühl, dass der Rest meist egal ist, solange ein Stück dieses scheinbar wertvollen Essens auf dem Teller platziert wurde. Ich empfinde ein wenig Trauer, weil ich an die vielen herzzerreißenden Dokumentationen erinnert werde. Alle erzeugen ein hohes Maß an Leid und ich bin mittendrin. Ich kann es kaum glauben. Früher war ich auch so. Rein in den Mund und runtergeschluckt. Nicht einmal darüber nachgedacht. Es war ja auch so normal. Hauptsache lecker. Jetzt sehe ich nur noch ein gequältes Wesen, das für einen 5-Minutengenuss sein ganzes, wenn auch kurzes, Leben gelitten hat. Solche Momente machen mich traurig. Ich bin wütend darüber, dass es die Menschheit hat soweit kommen lassen. Kaum jemand scheint sich Sorgen zu machen. Innerlich stellen sich mir sofort folgende Fragen: “Warum esst ihr das? Wisst ihr eigentlich, was ihr da tut?”

Manchmal denke ich das Thema weiter und es folgt dann Hoffnungslosigkeit gepaart mit Angst. Die Angst, dass das alles hier kein gutes Ende nimmt. Davor, dass unsere Kinder uns irgendwann fragen, warum wir es denn soweit haben kommen lassen. Warum wir jeden Tag die Welt ein Stück mehr zerstören. Was sollte ich dann antworten? Wir haben es nicht besser gewusst?

In solchen Momenten fühle ich mich hilflos. Aber wie soll man mit solchen Ereignissen umgehen? Denn es gibt sehr viele dieser Situationen – auch im Familien- und Freundeskreis.

Wie ich in die Matrix kam!

Kennt ihr noch den Film Matrix? Neo steht vor der Wahl, die rote oder die blaue Pille zu schlucken. Die blaue führt ihn zurück in seine konstruierte “heile” Welt; die rote Pille dagegen wird ihm die Augen öffnen für die Welt, wie sie tatsächlich ist. Genauso fühle ich mich. Ich habe mich entschieden neugierig zu sein und Glaubenssätze zu hinterfragen. Denkmuster, die man all die Jahre übernommen hat, ohne dabei auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, ob es richtig oder falsch ist. Woher kommt dieser Glaube? Von überall her. Sei es durch Werbung, Erziehung, das persönliche Umfeld, die Politik, Schule, Job, Uni, etc. Es ist völlig normal, dass wir beeinflusst werden. Dennoch möchte ich Verantwortung übernehmen. Den anderen immer die Schuld zu geben ist einfach und bequem, aber es ist nie die Lösung.

Ich habe also sehr viele Bücher und Publikationen gelesen, Dokumentationen auf Netflix, Youtube und Co. geschaut. Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Bam! Eigentlich weiß man es ja irgendwie, aber man kann es sehr gut verdrängen oder ignorieren. Ich weiß noch, es war nach der Dokumentation “Hope for all”. Mit Tränen in den Augen saß ich da. Was verdammt nochmal passiert da draußen eigentlich? Wie können wir das einfach so hinnehmen? Es ist nicht vereinzelt irgendwo am Rande der Welt. Es passiert überall. Auch in Deutschland. Ich habe mich sofort entschieden, nie wieder Fleisch zu essen – ein erster Schritt.

Und nun? Mit diesem riesen Paket an Wissen geht man zu den Freunden und erzählt es ihnen, währenddessen sie sich vielleicht gerade einen Döner bestellen. “Wie kannst du das nur essen? Weißt du, wieviel Leid das Tier erfahren musste? Das wurde mit genmanipuliertem Essen gefüttert? Fleisch fördert Krebs.” Naja die ganze Bandbreite eben. Wie ein Schlag ins Gesicht. Falls ihr so ein Gespräch schonmal geführt habt, werdet ihr gemerkt haben, dass es kontraproduktiv ist. Fakten auf den Tisch. Zack: Tierleid weg. Alle glücklich – so funktioniert das leider nicht. Eigentlich macht es die Situation eher schlimmer. Eine klassische Lose-Lose-Situation.

Warum ist das so? Die Indizien sind eindeutig. Es gibt sogar Videos davon. Trotzdem ändert sich die Person dir gegenüber dafür nicht. Wahrscheinlich ist sie sogar sauer auf dich.

Versetzen wir uns aber einfach mal zurück in die Zeit vor der “roten Pille”. Wie wäre ich eigentlich mit meinem neuen “Zukunfts-Ich” umgegangen? Sicherlich mit genau dem gleichen Unverständnis: “Was will der denn von mir? So ein Spinner. Der soll mich in Ruhe lassen mit seinem Ökogerede.” Es gab also eine Zeit, in der ich genauso argumentiert hätte wie alle anderen “Unwissenden”. Aha!

Wie gehe ich heute damit um?

Die erste Handlung: Durchatmen! Ganz tief und ganz bewusst. Erst einmal wieder runterkommen. Meditieren ist dafür übrigens wunderbar geeignet. Durch solche eben erwähnten Gespräche habe ich mir klar gemacht, dass ich mit blindem Aktionismus nicht weiter komme. Das ist ein wichtiger Schritt. Es ist mir aber dennoch nicht alles gleichgültig geworden. Das wird es auch nie sein, aber ich kann besser damit umgehen. Natürlich wäre es schön, wenn wir unsere Wut und Trauer auf andere übertragen könnten und alle gemeinsam ein Ziel hätten: Die Welt zu einem besseren Ort zu machen, aber ein schuldzuweisendes Vorgehen scheint dafür absolut nicht geeignet zu sein.

Ausatmen… Der Puls ist wieder unten. Weiter geht’s.

Es gibt eine schöne Geschichte, die ein Cherokee seinem Enkel erzählt. Der weiße Mann sitzt mit ihm am Feuer, blickt nachdenklich in die Flammen und sagt: In jedem von uns lebt ein weißer und ein schwarzer Wolf. Der weiße Wolf verkörpert alles, was gut, der schwarze, alles was schlecht in uns ist. Der weiße Wolf lebt von Gerechtigkeit und Frieden, der schwarze von Wut, Angst und Hass. Zwischen diesen beiden Wölfen herrscht ein ewiger Kampf. Dies passiert in jedem von uns.” Der Enkel denkt über diese Worte nach und fragt ihn dann, welcher von beiden denn gewinnt. Der alte Cherokee antwortet: „Der, den du fütterst. Manchmal möchte ich einfach den schwarzen Wolf gewinnen lassen, weil er so gerne auf sein Recht beharrt, aber ist es nicht viel besser etwas Sinnvolles mit seiner Energie anzufangen? Ich habe wirklich sehr viel mit mir gekämpft und nicht verstanden, warum die Menschheit so ist. Wahrscheinlich werde ich es auch nie verstehen. Aber dieser Ort hier, VeganFacts.de, ist für mich der erste Weg auch nach außen etwas Positives zurückzugeben. Ich möchte meine Energie und Zeit dafür nutzen, um aufzuklären und nicht gegen eine Wand zu kämpfen oder Beschuldigungen zu verteilen. Dieser Schritt fühlt sich sehr gut an, weil es mehr nach Änderung aussieht, als Leute darauf hinzuweisen, welche Fehler sie gerade begehen. Ich möchte nicht mehr traurig sein, ich möchte nicht mehr nur das Negative sehen. Ich will besser werden – mit jedem einzelnen Tag.

Ich bin auch nicht fehlerfrei und lebe längst nicht zu 100 % vegan. Bei Kosmetik habe ich gerade erst angefangen. In nicht veganen Restaurants fühle ich mich immer noch fehl am Platz. Es gab Zeiten, in denen ich mich für ein vegetarisches Gericht entschieden habe – einfach und allein deshalb, weil ich das Gefühl hatte, dass alle mit mir Mitleid hatten, da “man ja als Veganer nichts mehr essen kann”. Eine Lebensumstellung ist nicht immer leicht und kann einen zumindestens am Anfang oft in unangenehme Situationen bringen. Für mich es wird mit jedem Tag besser und besser. Wie die Jungs von „vegan ist ungesund“ aber immer sagen: step by step. Jeder Regen fängt mit einem Tropfen an – danke für eure durchgeknallten Videos.

Hingegen gibt es auch viele Dinge, die ein angehendes veganes Leben verändern. Das Kochen zum Beispiel. Wenn ich keine tierischen Lebensmittel mehr zu mir nehmen möchte, muss ich herausfinden, wo überall Tier drin steckt. Es gibt dabei immer wieder überraschende Erkenntnisse – der Klassiker: Gummibärchen. Also habe ich angefangen zu lesen und Rezepte auszuprobieren. Was soll ich sagen? Es ist einfach verdammt großartig. Ich habe noch nie so gerne gekocht und ich freue mich jedes Mal, etwas Neues auszuprobieren. Es gibt so viele neue Geschmacksrichtungen zu Entdecken. Also wenn euch mal wieder jemand erzählt, dass man als Veganer nichts mehr essen könne, berichtet, was ihr alles in letzter Zeit zubereitet habt. Nein, besser: Ladet die Person ein und kocht mit zusammen. Zeigt, dass wir uns nicht nur von Gräsern und Steinen ernähren.

Insgesamt bin ich auch wesentlich achtsamer mit mir und meiner Umwelt geworden. Ich hinterfrage meine Handlungen, überlege, was ich noch verbessern könnte. Mit jedem Schritt geht wieder ein kleines Licht auf.

Ich habe also zuerst sehr viele Dinge für mich selbst verändert, bevor ich überhaupt nach außen gegangen bin – natürlich vieles auch aus einer großen Unsicherheit heraus. Anfangs konnte ich Fragen einfach nicht ausreichend beantworten, habe mich dumm gefühlt, vielleicht auch belächelt. Auch einer der Gründe warum wir diese Seite ins Leben gerufen haben. Fakten to go!

Ich versuche niemanden zu bekehren. Ich lebe es meinem Umfeld einfach nur noch vor. Eine rein pflanzliche Ernährung ist für mich der richtige Schritt und ich freue mich immer wieder, wenn ich Menschen treffe, die den gleichen Weg gehen. Es ist für mich keine Einschränkung, es ist Freiheit. Manchmal kommen Sätze wie: „Das könnte ich nicht, das ist viel zu umständlich.“ oder „Ja, aber auf Käse könnte ich nicht verzichten.“ So habe ich früher auch gedacht. Es ist spannend zu sehen, dass es doch geht und ich rein gar nichts vermisse. Und seien wir mal ehrlich, überall wo Käse drauf ist, steckt auch ungesund drin. 🙂

Und was nun?

Das Bewusstsein dafür etwas ändern zu wollen, ist ein großartiger erster Schritt. Suche dir Menschen, die ähnlich denken wie du. Menschen, die auch weniger Leid auf der Welt wollen, die gesünder leben möchten. Es ist immer wieder schön, sich mit diesen Menschen austauschen zu können und die Erfahrungen zu teilen.

Aber sei dir auch bewusst, dass es kein Wettkampf ist. Niemand bekommt eine Auszeichnung dafür, dass er der beste Veganer ist. Gleichermaßen sollte aber auch niemand dafür denunziert werden, wenn er Mal einen Aussetzer hat oder aus Unwissenheit vielleicht Käse oder Eier konsumiert. Tierische Bestandteile verstecken sich in so vielen Produkten. Es passiert halt. Beim nächsten Mal weiß man es besser.

Nochmal zusammengefasst:

  • Gaaaaanzzzzzzz tief durchatmen
  • Negative Energie ins Positive wandeln und etwas Gutes tun
  • Vorleben, statt bekehren
  • Aufklären, statt beschuldigen
  • Gleichgesinnte suchen
  • Offen sein
  • Freut euch und zeigt eure Wertschätzung und Dankbarkeit, wenn andere Menschen z. B. mit euch in ein veganes Restaurant gehen wollen oder für euch etwas Veganes zubereiten/kaufen.

Welche Ereignisse habt ihr erlebt und wie seid ihr damit umgegangen? Schreibt es mir in den Kommentaren.

Mind set vegan.

Über den Autor

Als leidenschaftlicher Selbstoptimierer probiere ich alles aus, was mich privat und beruflich weiterbringt. So war der Schritt zu einer gesünderen Lebensweise nur die logische Konsequenz. Je mehr ich mich auch über die Jahre hinweg mit dem Thema Veganismus beschäftigt habe, desto mehr wurde mir klar, dass meinetwegen kein Lebewesen mehr leiden sollte. Schon garnicht, wenn es doch so viele leckere Alternativen aus aller Welt gibt!

Kommentare

  • DO sagt:

    Gut geschrieben. Vielleicht verzichte ich irgenwann ganz auf tierische Produkte. Aber zur Zeit nicht ganz

  • Juli sagt:

    Toller Artikel, der mor aus der Seele spricht, lieber André! Ich kenne das, was du beschreibst, nur zu gut. Mindestens einmal die Woche (eher öfter) gibt es Diskussionen am Agenturmittagstisch über das Thema Ernährung. Ich werde dabei auch immer wieder mit diesen herrlichen veganen Mythen konfrontiert, habe sogar schon Zeitungsartikel vorgelegt bekommen. Ich weiss, sie meinen es ja nicht böse. Allerdings fühle ich mich gelegentlich doch schon etwas in die Ecke gedrängt. Aber auch ich möchte nicht mehr belehren oder das Gefühl haben, mich verteidigen zu müssen. Und deshalb atme ich erst einmal gaaaanz tief durch… 😉

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